12 SCHLECHTE GRÜNDE, MIT DENEN DIE GRÜNEN FÜR DIE WAHL WERBEN.

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1987 erschienen.
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Warum wählen Wähler Grüne? (2. Teil)
12 SCHLECHTE GRÜNDE, MIT DENEN DIE GRÜNEN FÜR DIE WAHL WERBEN.

1. "Tschernobyl droht überall!", 2. Grüne sind "anders", 3. "Nicht Altes verwalten, sondern Neues gestalten!", 4. "Nie wieder CäSiUm!", 5. "Was tun!", 6. Sie zeigen es denen mal!, 7. "Bei uns ist jede zweite Abgeordnete ein Mann!", 8. Diesmal geht's ums Ganze!, 9. "Farbe bekennen!", 10. Klein, aber fein, 11. "Grün wächst - trotz allem!", 12. "Die Grünen in den Bundestag!".

5. "Was tun!"

Ratlos sind sie nicht, die Grünen. Die Frage "Was tun?" haben sie hinter sich gelassen. Aber nicht, weil sie sie beantworten könnten oder auch nur wollten. Einerseits scheint ihnen ihre Partei mit ihren Fortschritten im Mehr- und Minderheitengefüge der Demokratie so etwas wie eine Antwort zu sein auf die beiden Hauptübel, die grüne Gemüter bestürzen, Krieg und Umweltzerstörung. Andererseits scheinen sie von der Glaubwürdigkeit dieser Antwort selbst nicht so recht überzeugt zu sein. Sie nehmen sich die Zweifel ihrer Kritiker, das Mißtrauen von Leuten zu Herzen, die nicht einsehen mögen, was sich durch die Grünen geändert haben soll. Sehr geläufig ist diesen Gewissenswürmern der landesübliche Antrag an jeden Kritiker, er solle erst einmal zeigen, daß er besser ist als die andern. Und dieses Problem eines Nachweises, wie ernst man es selbst mit dem Umdenken und einem garantiert alternativen guten Benehmen hier und jetzt meint, haben die Grünen genial und lächerlich zugleich gelöst. Sie leben ihre Verbesserungsvorschläge zumindest im Kleinen vor, zeigen so, was möglich ist, und konfrontieren 10 Rheinkatastrophen mit ihrem vorbildlichen Verhalten. Mehr steckt nicht hinter dem Ausrufezeichen der Aufforderung "Was tun!".

Der Minister geht mit gutem Beispiel voran, läßt seine Freundin den Abwasch machen und zeigt mit seinem Verzicht auf scharfes Spüli, zu welchen Opfern er bereit ist, damit ihm seine Sanftheit, wohinter sein Veränderungswille zum Vorschein kommt, abgenommen wird:

"Und was tun Sie Für die Umwelt?

'Mein Dienstwagen hat einen Katalysator und privat gehe ich soviel wie möglich zu Fuß. Der Abfall wird nach Glas, Papier usw. getrennt. Ich mache derzeit noch große Umwege, um den sortierten Müll wegzuschaffen, weil in meinem Stadtteil erst im Herbst Recycling-Tonnen aufgestellt werden. Auf scharfe Spül-, Wasch- und Putzmittel verzichte ich ganz.'" (Brigitte-Umfrage 9.7.)

Dem Minister ist seine knappe Zeit nicht zu schade für den Beweis, daß "was tun" keine Frage ist. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg und irgendwas kann jeder tun, selbst ein Minister mit beschränkten Möglichkeiten. Nur wer alle Welt mit der Mitteilung beglücken will, daß an der Ernsthaftigkeit des eigenen Veränderungsbestrebens nicht zu rütteln ist, wer also die Verfertigung des sich selbst ausgestellten Charakterzertifikats, für Veränderung zu sein, für ungefähr dasselbe hält wie die Veränderung selber, wird diesem Sauber- und Fachmann für ordentliche Müllvernichtung seine "großen Umwege" abnehmen - und allen Ernstes daran festhalten, sie seien Wege u was auch immer hin.

Solche vorbildlichen Aktivitäten stellen offenbar einen höheren Auftraggeber namens Gewissen ziemlich zufrieden; und dafür werden sie auch unternommen. Mit ihnen der Atomlobby und der chemischen Industrie einen Stein in den Weg gelegt zu haben, dürfte auch kein Grüner glauben. Die lächerliche Veranstaltung will wo ganz anders Eindruck machen, nämlich bei all den Mitmenschen, denen ihr Umweltbewußtsein zu Kopf gestiegen ist und dort eine riesige Gewissensblase bildet. Tauglich ist die Vorführung des "Bei-sich-selbst-Anfangens", des "Wir kritisieren nicht nur, wir unternehmen auch schon etwas" auch für die Blamage der Leute, die nicht wie jedes Christenschaf Kritik mit Selbstläuterung, Buße und einem guten Werkchen in der Müllfrage verwechseln.

Grüne machen keinen Hehl daraus, daß und wie sie mit ihrer linken Vergangenheit abrechnen. Was sich heute links von ihnen bewegt fällt für diese Softspüler unter das Generalurteil: Parteilose Raucher, die bloß reden!

Die Grünen haben, als sie sich noch im linken Zirkelwesen rumtrieben, die Bequemlichkeit dieses Totschlägers schätzen gelernt. Wenn sie jetzt die Parole "Was tun!" im Wahlkampf salonfähig machen, hätten sie kaum einen besseren Griff tun können. Verstanden wird es schon richtig: zwei Worte - ein Kreuz! Ein schöner Ausweg aus der Gefahr, sich zeitlebens den Tunix-Vorwurf gefallen lassen zu müssen.

Der allemal fälligen Frage, ob dadurch auch schon die guten Kräfte ihren Sieg errungen hätten, begegnen die Grünen dann auch noch. Für ihre Wähler ist die Stimmabgabe ein bloßer Auftakt, eine leichte Übung, der die großen Taten erst noch folgen. Mit dieser verpflichtenden Perspektive werden die erlesensten Ansprüche an ein bewußtes Wählen bedient.

"Jeder, der über analytische Einsicht verfügt und die Notwendigkeit tiefgehender Veränderungen sieht, leidet darunter, daß recht viele Menschen, auch Wähler der Grünen, sich einen bequemen Weg der Veränderung erhoffen. Sie wählen und überlassen den Grünen den Rest. Dieses Verhalten kollidiert mit meiner Erkenntnis, daß zur Durchsetzung von Veränderungen viel mehr Radikalität, mehr Mut zum Kampf und ein Bruch mit persönlicher Bequemlichkeit notwendig sind." (Ebermann: "Ich will mich mit dem durchschnittlichen Deutschen anlegen", In: Von der Machbarkeit des Unmöglichen, Seite 93 f. - Hervorh. v. Verf.)

Bleiben noch zwei Fragen:

Was tut man, wenn man die Grünen wählt?

"Wilhelm Grillenberger, Pfarrer in München:

'Ich gebe Gymnasialunterricht über das verantwortliche Handeln von Christen, meine Entscheidung basiert nicht zuletzt auf der Nachfrage von Schülern: Tun Sie denn auch etwas? Reden Sie nicht nur?'" (Bavaria Grün, Zeitung der bayerischen GRÜNEN zur Landtagswahl '86)

Man macht ein Kreuz und hat dabei ein saugutes Gefühl. Wenn selbst das reine Gewissen eines Religionslehrers sich noch steigern läßt, haben die Grünen offensichtlich was zu bieten: Man kann dieselben Reden schwingen wie jeden Tag - z.B. im Religionsunterricht - und braucht sich von niemandem mehr - außer den Grünen - deshalb ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen.

Was tun die Grünen, damit man sie wählt?

Sie festigen nach Kräften den Glauhen, daß man was tun kann:

"Wir leuchten den Atompolitikern heim! ... - Sofortige Stillegung aller Atomanlagen! Keine WAA in Wackersdorf!

Für dieses Ziel kann und soll man sich mit allen und mit verschiedenen Mitteln einsetzen: Mit Unterschriftensammlungen, mit Großdemonstrationen wie kürzlich in München und im Hunsrück, mit Sonntagsspaziergängen zum Bauzaun in Wackersdorf, mit Blockadeaktionen usw. Wir wollen diesmal auch unsere Kinder demonstrieren lassen, auf ihre Art: Laternenumzug..."

Kinder haben auch so "ihre Art". Auf jeden Fall hat jeder ein Mittel, wenn es ihm wirklich um Veränderung zu tun ist und er seine Phantasie nur lang genug spielen läßt. Und wer keine Laterne hat, der malt ein grünes Kreuz im Wahllokal.

6. "Zoagt's es eane, dene Schwarze!"

"'Zeigt es ihnen, den Schwarzen!' Diesen Rat hatte eine ältere Passantin den grünen Abgeordneten mit auf den Weg gegeben, als sie mit Kind und Kegel, Freunden und Freundinnen vom Marienplatz aus zum Maximilianeum zogen. Der Rat wird befolgt." (Bavaria Grün, Zeitung der bayerischen GRÜNEN zur Bundestagswahl '87)

Bei der "älteren Passantin" dürfte es sich unseren Nachforschungen zufolge um "Hartmut Bäumer, 38, Arbeitsrichter, Spitzenkandidat der GRÜNEN für Oberbayern" gehandelt haben, der aufgrund des "tollen Wahlergebnisses" bereits Wochen vor jener Begegnung den Grünen in einer Begegnung mit der "taz" folgenden"Rat" erteilte:

"Wir wollen es der CSU einfach schwerer machen, ihre arrogante Linie durchzuziehen." (14.10.)

Vielleicht kam aber auch gerade Christa Nickels, Bundestagsabgeordnete, ledig, 3 Kinder, des Wegs, die in Bonn die "persönliche Empörung" von 2,2 Millionen bundesdeutschen Wählern repräsentiert. Oder war es Joschka Fischer (Jahrgang 48), Hessens Umwelt- und Energieminister, der sich wie kein zweiter durch "Abbügeln" auf die Bedürfnisse des älteren weiblichen Wählerpersonals versteht?

"Unabhängig davon, ob 'der Fischer' da in Wiesbaden tatsächlich 'was erreicht' hat, wird er geschätzt, vor allem von den Frauen über 50. Daß er noch immer keinen 'Schlips' umbindet, haben sie ihm inzwischen ebenso verziehen wie den etwas 'schiefen Mund' beim 'breiten Grinsen'.

"Wie 'der Fischer' - in der Fernsehdiskussion nach Tschernobyl - etwa 'den Riesenhuber', diesen 'dummen Arroganzling' abgebügelt habe, das sei schon 'beeindruckend' gewesen, meinte zum Beispiel Käthi K. aus Rüsselsheim (Jahrgang 1931)." (taz, 14.10.)

Die deutschen Wähler/innen sind eine abgeklärte Mannschaft. Sie geben sich mit wenig zufrieden, so man nur ihren Geschmack trifft. Die "erstaunlichen Einbrüche" in Wählerreservoirs, die den "Alt"-Parteien vorbehalten schienen, sind den Grünen ein Leichtes. Sie müssen den Wählern ja nicht erst beibringen, Politik unabhängig von ihren Taten zu beurteilen. Politik als reine Stilfrage zu begutachten, hat Tradition in einem Land, das sich auf seine Kultur etwas zugutehält. Wem der Sinn nach einer Politik steht, die die Politiker zur Raison ruft, und wer bislang den kritischen Gestus im Parlament zu wenig vertreten sah, wird nun von den Grünen bestens bedient. Sie verschreiben sich den Sehnsüchten des kleinen Mannes, der alles mit sich anstellen läßt und daher bezüglich der Politik nur noch den Wunsch kennt, die Politiker sollten sich gefälligst auch so anständig benehmen wie er. Wegen der glaubwürdigen Demonstration seiner Aufschneiderei, wie er's denen zeigen täte, wenn man ihn mal ließe - sind ihm die Grünen sympathisch. Und wer sich von den Grünen "mehr" erwartet hatte, braucht sich bei aller Enttäuschung nicht von ihnen abzuwenden: "Immerhin" bringen sie "frischen Wind" ins Parlament, "entlarven" nach Kräften und lassen sich "nicht alles" gefallen.

Die Grünen haben es also geschafft, den Protest ganz in seiner stimmenträchtigen Präsentation aufgehen zu lassen. Auf der einen Seite verflüchtigt er sich so im Anstand. Sie bringen den anderen Parteien Respekt bei vor Recht und Gesetz und fordern den Einzug von sittlichen Werten und demokratischen Selbstverständlichkeiten in die Politik. Keine politische Entscheidung der Grünen wird ohne die Heuchelei verkauft, sie sei der "Achtung vor dem Wähler" entsprungen. Auf der anderen Seite bedeutet dieses nicht-selbstherrliche un-arrogante Getue

Die Auflösung allen Protests in methodische Überlegungen

Daß "es" auch "anders" ginge, wird zum einzigen Beweiszweck ihrer Politik. Weil man das glauben kann oder auch nicht, stehen die Grünen mit ihrem andersgearteten Charakter für die Verwirklichung der von ihnen angepriesenen Möglichkeiten. Und damit man den sieht, kommen sie lässig in Turnschuhen, in brav selbstgehäkelten Pullis daher - und können gar nicht oft genug betonen, wie sie sind: mutig sind sie, denn sie scheuen sich nicht, ihren Hang zum Kindischen vorzuzeigen; aber auch listig und frech - und bei aller Emanzipiertheit keineswegs verbiestert.

7. "Bei uns ist jede zweite Abgeordnete ein Mann."

Die Grünen sind die Erfinder von so Ungetümen wie "Landtagsfrauschaften" und Bundestags-"Feminaten". Wenn sie auch sonst über allerlei mit sich reden lassen: In der Frage, wer die werten Damen/Herren Wähler/innen vertreten darf, verstehen sie keinen Spaß. Ausgerechnet hiermit machen sie ernst und stellen so sicher, daß an keinem einzigen Inhalt der Politik gerüttelt wird. Nicht einmal, was den dem Wähler "angebotenen Renner Frau" (Grüne Zeiten) angeht, können Mißverständnisse darüber aufgekommen sein, daß sich mit der "Besetzung" dieses Themas durch die Grünen irgendetwas an der Lage der Frauen ändern sollte:

"Es gibt einen Spruch, der heißt: Alle reden von Frauenpolitik, bei den Grünen machen Frauen Politik. Das ist der Punkt. In keiner anderen Partei haben Frauen ähnliche Möglichkeiten, sich einzumischen und wichtige Positionen zu besetzen." (Nickels, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S.24)

Politik für Frauen ist, wenn Frauen sie machen. Die Frauenfrage ist per Sitzverteilung bereits einer Lösung zugeführt - und zwar ganz gerecht entweder fifty-fifty: "Wir Frauen sind die Hälfte der Menschheit." oder aber, nicht minder gerecht, mit einer 100%-igen Okkupation der freien Stellen: "Wir Frauen sind mehr." Wenn mit der adäquaten Repräsentation der Frauen durch ihre Geschlechtsgenossinnen schon alles rum ist und gar keine weitergehende Veränderung bezweckt ist, fragt sich doch, warum Frauen auf keinen Fall die politische Karriere von Männern befördern helfen dürfen sollen und auch Männer eigentlich besser von Damen vertreten wären. Neben der Mehrheit, die sowieso recht hat, haben die Grünen für die Damenwahl einen noch härteren Klops auf Lager, der über jeden Widerspruch erhaben ist.

Frausein ist Programm, wie Schwarzsein in Südafrika oder Schwulsein." (Nickels in: "Spiegel", 3.11.)

Frausein als Programm bedeutet: Diese von der Natur zu Opfern Prädestinierten Wesen sind die besseren Menschen; gerade das Aushalten dieser Opfer adelt sie zu

Persönlichkeiten erster Klasse

und berechtigt sie dazu, aller Welt mit der Forderung auf den Nerv zu gehen, ihnen für ihre aufopferungsvollen Dienste die gebührende Anerkennung zu zollen. Mit der Frau im Programm können sich die Grünen mitsamt ihren "Grüninnen" genauso unverschämt aufführen wie israelische Staatsmänner, die als "Verfolgte des Naziregimes" bis an ihr Lebensende jede Kritik an ihren faschistischen Taten von sich ab- und auf den unmenschlichen Charakter des Kritikers zurückprallen lassen. Mit der Frau, diesem Symbol für Betroffenheit schlechthin, im Programm ist grüne Politik über jeden Verdacht erhaben:

"Frauen denken anders, gucken anders und haben andere Wertmaßstäbe. ... Wie würden Frauen Straßenführung, Gebäudesanierung, Gebietsbebauung planen? Wie würden wir Supermärkte, Fabriken, Produktion planen und gestalten? Wir glauben: menschlicher, weil direkter betroffen." (Goehler in: "Spiegel", 14.4.)

Von Logik nicht betroffen zu sein, darauf bildet sich diese Zierde der Demokratie im Stolz auf ihren weiblichen Glaüben noch was ein: Betroffenheit mitsamt ihren Gründen soll - in Form von Männern und Frauen - nach wie vor bestehen bleiben und dabei ein prima Ratgeber für Planer sein, die alles anders - irgendwie viel fraulicher - machen wollen. Wenn dabei nicht mehr als das entsprechende Geschau rausschaut, so weil die Damen ihre Dämlichkeit fürs Politikmachen bei den Grünen einsetzen. Sie wollen Politiker - "Gesellschafts- und Produktionsgestalter" heißt das bei Leuten, die das Wort Kapitalismus wahrscheinlich für eine Männererfindung halten sein: Dieser Menschenschlag ist hierzulande nun mal nicht fürs Betroffensein, sondern fürs Betroffenmachen vorgesehen.

Man darf bei den Damen aber auch nicht zu pingelig sein. Wenn sie auf der Bildfläche erscheinen, ist sowieso nicht wichtig, was sie sagen. Sie sind der lebende Vorwurf an alle Parteien, und der lautet kurz und vernichtend: von Männern gemacht. Und sie sind die aufdringliche Hoffnung für alle, die nach einem kleineren Übel Ausschau halten: Frauen sind keine Männer - also wenigstens nicht so brutal, so gewalttätig, so männlich. Frauen sind witzig, spritzig, frech und putzmunter. Ihnen macht es Spaß, mit irre viel Kreativität und Phantasie Politik als Veranstaltung von Männern lächerlich zu machen. Dohnanyi steht mit seiner "Nadelstreifen-Kultur" am Pranger - und schon fühlt sich der grüne Geschmack im Recht und damit sauwohl. Als Frau oder Verehrer ihrer andersbeschaffenen Wertigkeit, die sich durch Originalität hervortut, muß man sich eben nur eines nicht gefallen lassen: Die Brutalität von Busengrapschern, Bauknecht, Beton und Bomben - hier duldet Xanthippe Goehler weder Widerspruch noch Unterschied:

"Wir können sie nicht mehr ertragen, diese 50- bis 60-jährigen Anzüge, die unterschiedslos Bauknechtküchen, Autobahnabschnitte und Atommeiler einweihen." (Spiegel, 3.11.)

Männer als Grund für alles, was Frauen nicht paßt

Da gilt ein häßlicher Schlips glatt soviel wie der tägliche Gang ins Büro - damit haben die Grünen und mit ihnen ihre Wähler(innen) zwar die Genugtuung, sich alle Politiker als minderwertige Kreaturen und somit als Witzfiguren zu Gemüte zu führen. Gegen die Politik, die sie treiben, und das Geschäft, dem sie den Weg bahnen, ein Wort zu verlieren, ist unter ihrer weiblichen Würde: Damit sind sie ein für allemal fertig; sie sehen ihren Vertretern schon an der Nasenspitze an, was sie für welche sind.

"Die Angst vor gewalttätigen Übergriffen von Männern bestimmt unser Leben und Verhalten, selbst wenn wir noch nie vergewaltigt worden sind." (Bundestagswahlprogramm '87, S. 18)

Ein Fall von Verfolgungswahn? Oder machen hier politische Routiniers sehr zweckmäßig Reklame für eine Sicht der Welt, die alle tatsächlich erfahrenen Beschränkungen und Belästigungen durch Männer (es soll ja auch Frauen in Vorstandspositionen geben - und zwar scharenweise), die über die Mittel verfügen, Frauen und ihren Männern das Leben schwer zu machen, für belanglos befindet angesichts der Möglichkeit von Vergewaltigung, "die unser Leben bestimmt" - weil man an nichts anderes mehr denken möchte.

Nichts von allem, was kritikabel ist, wollen die Grünen zum Einsturz bringen. Aber alle möglichen Erfindungen bringen sie ins Wanken. "Rollenverständnisse" schütteln sie unerbittlich durcheinander, und der "Sexismus in der Sprache" gehört abgebaut. Eine Frau kann nämlich von Haus aus auf alles verzichten, aber ohne Würde sieht sie schrecklich aus:

"Die deutsche Amts-, Gerichts- und Gesetzessprache ist zu bereinigen. ... Sprache ist demnach sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistungen ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht und wenn sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt und lächerlich macht." (Vorläufiger Entwurf eines Anti-Diskriminierungsgesetzes, S. 18 und 21)

Das haben die Frauen dann davon: Die Grünen behandeln sie garantiert nicht herablassend, sondern als Politiker, die ihre eigenständige Stimme nicht ignorieren und sich des unverwechselbaren Werts der Damenwelt vollauf bewußt sind. Daß der Unabhängigkeit der Frau das Recht auf Anerkennung in der Amtssprache gebührt, unterstreichen sie mit radikalen Tönen -

"Frauenprogramm - Wir wollen alles!" (Bundestagswahlprogramm '87) -

und ihren Weibermannschaften, die die Christdemokraten mit einer in den Dimensionen vor Jahrtausenden rechnenden historischen Wende vor Neid erblassen lassen:

"Es geht um Größeres: 'Das erste Mal in der Geschichte' überhaupt, schwärmt Adrienne Goehler, GAL-Listenplatz 4, schicke eine von Männern dominierte Partei ausschließlich Frauen in ein Parlament. Einzelne Parteischwestern glauben gar schon, daß sich in Hamburg eine Wende von planetarischen Dimensionen ankündigt: die Wiedergeburt des Matriarchats, jener mythenumwobenen Mutterherrschaft, wie sie zur Zeit laut GAL nur noch bei den Tschambuli-Indianern Neuguineas' existiert." (Spiegel, 3.11.)

Spinnerei und Gemeinheit passen also auch bei den Grünen bestens zusammen. Trotzdem findet es kaum jemand lächerlich, daß ausgerechnet der Unterschied, an dem nichts als ein bißchen Spaß hängt, für allerlei weltbewegende Gegensätze verantwortlich gemacht wird. Bei der Mühe, die sie sich bei deren Konstruktion geben, kommt der Geschmack voll auf seine Kosten. So können sie auf alle Begründunigen für ihre Politik verzichten. Dann geht es voll in Ordnung, daß sich die grünen Land- und Bundestagsfrauschaftlerinnen das Recht und die Pflicht herausnehmen, sich zum Politikmachen sans phrase zu bekennen:

"Es hat Spaß gemacht." (Begründung für die neuerliche Bundestagskandidatur von Waltraud Schoppe, in: "Süddeutsche Zeitung", 28.10.)

"Eine andere Rednerin begründete den weiblichen Alleinvertretungsanspruch (der GAL-Weiber in Hamburg)...: Sie habe einfach 'Bock auf Macht'." (Spiegel, 3.11.)

Der die Unterdrückung von Jahrtausenden auf dem Buckel und seiner Seite hat, dessen Courage und freches Auftrumpfen kann man nur bewundern. Außerdem schätzt "der Wähler" immer schon ein frisches Bekenntnis seiner Führer zur Macht. Das ist über jeden Zweifel erhaben, wenn es wie hier - und überall die Richtigen ablegen. "Alle Gründe sprechen für Grün " - heißt eine Wahlparole. Eine andere Ausdrucksweise dafür, daß die Grünen auch nur die Nennung eines einzigen Grundes für überflüssig, wenn nicht schädlich, befinden. Eine grün angepinselte Wand tut ihnen dieselben Dienste wie die leicht erhöhte Stimmlage der ins Rennen geschickten "unverbrauchten Kräfte".

Sie wollen unbedingt gewählt werden. Warum und wofür das wichtig ist, steht für sie schon längst nicht mehr zur Debatte. Also wird auch dem Wähler die Prüfung der Gründe nicht zur Disposition gestellt. Was ihnen wichtig ist, hat dem Wähler unmittelbar und schlagartig einzuleuchten, dem dummerweise anderes am Herzen liegt als gewählt werden zu wollen. Also stilisieren sie ihre Wahl zueinem ganz besonderen Ereignis, das für jedermann von Dringlichkeit sei:

Diese Wahl ist anders als alle anderen. Es gibt etwas Besonderes u entscheiden. Dies zu erkennen, erfordert einen besonderen Wähler mit viel Durchblick. Die Wahl ist also diesmal ein Test auf den Charakter aller Beteiligten, sich des Wahlzirkus als einer schweren Bürde würdig zu erweisen.

8. Diesmal geht's ums Ganze

"Es gibt in den kommenden Wahlen politisch etwas zu enticheiden. Wer die radioaktive Bedrohung noch lange haben will, muß CDU wählen, wer mit dem Ausstieg solange warten will, bis die Atomwirtschaft selbst auf andere Techniken setzt, kann SPD wählen, wer sich politisch für eine Stillegung stark machen will, kann nur die Grünen wählen." (Trampert, Eröffnungsrede auf dem Nürnberger Parteitag)

Die Lüge, der Wähler habe zu bestimmen, welche Politik gemacht wird, ist auch nicht gerade neu. Ebenso abgestanden der Einfall, die "kommenden Wahlen" seien in ihrer schicksalhaften Bedeutsamkeit unvergleichlich: dringlicher als je eine zuvor, aber auch endlich einmal wirkliche Wahlen, in denen sich jemand zur Wahl anbietet, der die Probleme ihrer Lösung zuführt. Wer also nicht den großen Knall in Auftrag gegeben haben will, darf weder... noch... wählen: Durch intensives Nachdenken wird ihm klarwerden, wohin sein Kreuz gemacht gehört.

Denn diese Wahl ist anders als alle dagewesenen, weil diesmal der Wähler zu seinem besonderen Recht kommt. Das bietet ihm nur die grüne Partei:

9. Klein, aber fein!

"Wir sind abhängig von der Bereitschaft der Menschen, gründlich nachzudenken über unsere Gesellschaft, was sie uns kostet, was sie unsere Kinder und andere Völker kostet. Abhängig sind die GRÜNEN von der Neugier auf emanzipatorische Prozesse und von der Bereitschaft, Alternativen in der Politik mitzutragen. Wir sind abhängig davon, daß in der BRD über die Zukunft gestritten wird." (Brief an unsere Wählerinnen und Wähler)

Grüne Politik ist Politik von, mit, durch und für den Wähler. Fast könnte man zum Eindruck gelangen, bei den Grünen machten die Wähler selbst die Politik - wenn nicht die Grünen ständig betonen würden, der Wähler sei bei ihnen der Herr im Haus. Offensichtlich versprechen sie sich was davon, ihre "Abhängigkeit vom Wähler" laufend im Mund zu führen. Der einzige Punkt, an dem die Grünen tatsächlich auf die Wähler angewiesen sind, erscheint deshalb in seltsam verklärtem Licht. Im Appell an die elitären Instinkte eines jeden Wählers - wer möchte schon mit seiner ausgereiften und raffiniert durchkalkulierten Entscheidung mit der dummen Stimmviehmasse in den großen Zetteltopf geworfen werden? - bescheinigen sie ihm, was er nur hören möchte. Der grüne Wähler denkt nach. Gründlich. Über Fundamentales. Was der oberflächliche Zeitgenosse weder wahrnimmt, geschweige denn löst, füllt ihn aus: Warum leisten "wir" "uns" eine Gesellschaft, die uns "was" kostet? Ist unsere Schizophrenie der Preis, wenn "wir" ohne Feinde "uns" das Leben zur Hölle machen? Der grüne Wähler weicht eben auch unlösbaren Problemen nicht aus. Stellt sich extra für ihn erdachten Zwickmühlen. Läßt seine Partei nicht im Stich. Auf ihn ist Verlaß. Er tut, was er soll - mit viel Anstand und Verstand. Er wählt. Jetzt darf er stolz sein. Mit dieser schweren Prüfung hat er Zutritt erworben zu einer verschworenen Gemeinschaft, die ihre Mitglieder strengsten Selektionskriterien unterzieht:

"Da sind mir sechs oder sieben Prozent der Wählerstimmen mit einer ganz klaren, radikalen ökologischen und gewaltfreie Haltung lieber als plötzlich dreizehn oder vierzehn Prozent, die den moderaten Öko-Reformismus gewählt haben. Zur 'grünen FDP' werden, um Wähler zu gewinnen und um an 'die Macht' im alten Sinn zu gelangen - das will ich nicht." (Kelly, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S. 116)

Diese Wahl ist anders als alle bisherigen. Endlich eine echte Bekenntniswahl! 10. "Farbe bekennen!" (Motto des Nürnberger Parteitags)

Streng methodisch wird hier alle Welt an die Pflicht erinnert, sich nicht um die Entscheidung herumzudrücken. Wozu man sich zu bekennen hat: Zum Bekennen eben. Vom Vorhandensein eines Gewissens hat man Zeugnis abzulegen: Das kann gar nicht anders, als für wen oder was auch immer gegen alles Mögliche Partei zu ergreifen. In Schicksalsstunden kommt bekanntlich der Kern des Menschen zum Vorschein. Hier zeigt sich, wer einer ist. Hat er den Charakter, zu einen Sprüchen zu stehen?

- Farbe bekennen soll "der Wähler". Nicht einfach wählen soll er. Schon im eigenen Interesse darf er es sich nicht zu leicht machen. Wählt er nämlich die Falschen, hat er nicht einfach die CDU gewählt, sondern bewiesen, was für ein krummer Hund er ist. Damit er sich bei seiner Entscheidung nicht vertut, braucht er nur in sich zu gehen und sein Gewissen zu Rate zu ziehen. An der Farbe erkennt es, welcher Partei es die Glaubwürdigkeit glauben darf. Farblose Parteien kommen ebensowenig in Frage wie solche, die ihre Farbe verraten haben. Parteien, die verbergen, was sie eigentlich wollen, scheiden für ihn ebenso aus wie jene, die sich zu keiner Entscheidung durchringen können.

- Farbe bekennen tun die Grünen. Sie heißen grün und sind auch so. Das beweist Mut und Standfestigkeit. Kein Widerspruch zwischen Taten und Worten. Beim Politikmachen vernachlässigen sie nicht das Bekenntnis zur unverwechselbar eigenen Farbigkeit. Sie sind entschieden dafür, daß entschieden wird. Mit dem moralischen Rigorismus einer Sekte hat das nichts zu tun. Daß beim Bekennen einiger Spielraum zu bleiben hat und die Partei Neuerungen immer aufgeschlossen gegenüber steht, verbürgt sie mit moderner Farbgebung:

"Von außen ziert die grauen Mauern der Frankenhalle ein großes Plakat, mit der Aufschrift: Die Grünen, mit der gelben Sonne und dem Wahlkampfmotto: Farbe bekennen. Diesmal auf türkis, und nicht, wie gewohnt, auf grün. Eine neue Ästhetik kündigt sich an, setzt sich drinnen, im großen Saale fort. 'Farbe bekennen' die Grünen auch hier auf schönem türkis, daneben riesengroße Kunstwerke mit abstrakten Mustern, in leuchtenden Farben." (taz, 29.9.)

Echt grell! Fast hätten wir vergessen, daß auf dem Parteitag auch noch etwas besprochen wurde:

"...Vorrangig war die Koalitionsfrage." (taz, 29.9.)

- Farbe bekennen soll endlich die SPD. Sie soll klar zu erkennen geben, ob sie mit oder ohne die Hilfe der Grünen an die Macht will. Die Grünen waren nämlich so entscheidungsfreudig und verantwortungsbewußt, für eine Koalition mit der SPD zu plädieren, auch wenn die SPD auf das deutlichste zu verstehen gegeben hatte, daß sie an ihr in keinster Weise interessiert ist. Um die eigene Koalitionsaussage glaubwürdig zu machen, nehmen die Grünen erstens die ablehnende Haltung der SPD schlicht nicht zur Kenntnis. Sie entlarven sie als ein hinterhältig-opportunistisches Wählertäuschungsmanöver: Die SPD mache die Koalition vom Ausgang der Wahl abhängig und lasse sich bis dahin zu keinerlei Auskünften bezüglich ihrer möglichen Koalitionspartner herbei. Auf die Offenlegung der wahltaktischen Kalkulationen der Parteien hat aber "der Wähler ein Recht". Man darf ihm die Angabe von Wahlzielen nicht verwehren und ihn nicht darüber im unklaren lassen, welche Methoden eine Partei zum Einsatz zu bringen gedenkt, um ihr Problem der Machterringung zu lösen. So beschämen sie die SPD durch Klarheit - auch wenn deren Aussagen daran gar nichts zu wünschen übriglassen.

"Wir sind elrie kleine parlamentarische Partei. Wir wollen an die Regierung, das geht zur Zeit nur mit der SPD, also machen wir ein zumutbares Angebot. Auf solch einfache politischen Grundsatzentscheidungen haben die Leute ein Recht." (Kretschmann, taz 25.9.)

Darüber hinaus warten die Grünen zweitens mit allerlei mehr oder weniger spitzfindigen Beweisführungen auf, warum die SPD, obwohl ihr die Grünen die tollsten Angebote unterbreiten, (noch) nicht spurt, obwohl im Endeffekt kein Weg daran vorbeiführt.

- Die SPD kann nicht mit den Grünen zusammenarbeiten, weil der Imperialismus, natürlich in Gestalt der USA, das Wirksamwerden des oppositionellen Gehalts der Grünen nicht zuläßt. Die SPD gefesselt?

- Die SPD will nicht mit den Grünen koalieren, weil sie nicht an die Erringung der Macht glaubt. Das zeugt von Führungsschwäche.

- Die SPD schadet sich mit ihrer ablehnenden Haltung - siehe Hamburg, siehe München! - so daß der mangelnde Erfolg sie schon zum Bündnis mit den Grünen bekehren wird. Ein schöner Hinweis auf die Not der SPD.

Vom Verständnis für die erfundenen "Schwierigkeiten" der SPD bis hin zur Schadenfreude über die Wahlniederlagen des Wunschpartners reicht die Palette der "Argumente", mit der der Ernsthaftigkeit des grünen Koalitionsbegehrens Nachdruck verliehen wird. Denn koaliert muß nun mal werden. Seit der hessischen Entscheidung, Börner zu unterstützen, spenden die Grünen dem Wähler viel Hoffnung:

"An der Bereitschaft zur Regierungsbeteiligung hängt in dieser Demokratie die Frage der Hoffnungsträgerschaft, ob mir das nun paßt oder nicht." (Fischer, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S. 134)

Den Vorwurf der unverantwortlichen Verweigerungshaltung und einer aus Obstruktionsgründen geborenen Scheu vor der Machtübernahme haben sie seitdem selbst drauf. Es gibt eben in "dieser" Demokratie keinen zugkräftigeren:

"Der Mehrheitstraum des Johannes Rau ist ausgeträumt, seiner unverantwortlichen Verweigerungshaltung haben sich die Wählerinnen und Wähler nicht angeschlossen." (bavaria grün zur Bundestagswahl '87)

Und so haben sie sich seit ein paar Jahren ihre Zeit mit einer "Tolerierungsdebatte" um die Ohren geschlagen, in der die Partei unheimlich kontrovers ein "Tolerierungspaket" schnürte. Im Kampf zweier Linien um den Grad der "Härte" der "Tolerierungs(!)forderungen" einigte man sich auf dem Parteitag auf folgende "Minimalbedingung":

"Die Forderungen nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Abzug der Cruise Missiles und Pershing II, die für die GRÜNEN zentral sind, werden dabei unverzichtbar sein." (Brief an unsere Wählerinnen und Wähler)

Knallhart wird hier der SPD jeder mögliche Grund weggenommen, sich weiterhin vor einer Kooperation mit den Grünen zu drücken. Die wird an keine einzige noch so minimale Bedingung geknüpft: "Ausstieg" und "Abzug" sind nämlich nicht ganz dasselbe wie deren "Forderung" - und es wäre ja wohl noch schöner, wenn in Verhandlungen mit der SPD nicht einal mehr "unverzichtbare Forderungen" erwähnt würden, bevor sie ad acta gelegt werden.

So beendet die Partei die verspürte "Unlust, zur erfolglosen Opposition zu gehören" (Nickels). Immer hübsch "ein Schritt nach dem anderen" macht sie sich übers "Tolerieren" ans "Koalieren" - nicht ohne dabei zu prüfen, ob die Rechnung aufgeht:

"Bei jedem Schritt müssen wir prüfen, ob wir damit unsere Identität aufgeben." (Nickels, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S. 18 f.)

Und siehe da, die Kasse stimmt.

11. "Grün wächst trotz alledem!"

Das "trotz" ist frech. Gerade so, als ob sie pausenlos gegen einen nicht näher als "all das" zu identifizierenden Gegner im Einsatz wäre, brüstet sich die Partei hier ihrer schwer errungenen und mühsam erkämpften Erfolge: viel Feind, viel Ehr! Dabei verhält sich die Sache mit dem Erfolg wesentlich undramatischer. Nicht obwohl, sondern weil "all das" passiert, haben die Grüne Zulauf. Aber so formuliert, bliebe ja nicht einmal die Reminiszenz daran, daß hier eine Protestpartei mit ihrem Erfolg angibt. Bezeichnenderweise ist hier auch der einzige Punkt, an dem die Grünen so etwas wie Feinde kennen wollen: die Verschwörung gegen ihren Wahlerfolg können sie überhaupt nicht leiden.

Trotz aller Feinsinnigkeit recht unverschämt, wie hier die dreifache Bedeutung von grün zitiert wird, um mit dem für sich selbst sprechenden Erfolg der Partei alle Vorbehalte des Wählers ins Unrecht zu setzen. Wer die gezielte Verwechslung von grüner Partei mit dem grassierenden Umweltbewußtsein und der hoffnungsfroh sprießenden Natur mitmacht, dem ist nicht mehr zu helfen. Er sinnt nicht auf Abhilfe. Beim Anblick von Schneeglöckchen gerät er ob ihres Wachstums in Verzückung und ist zufrieden, wenn nur der Umweltminister das Rauchen sein läßt. Ihm sind die Maßstäbe für den Erfolg abhanden gekommen, weil er sich als Geschädigten nie ins Spiel gebracht hat. Kein Wunder, daß so ganz viel grüne Wählerstimmen zusammenkommen - und das immerzu beklagte "all das" munter fortexistiert.

12. "Die Grünen in den Bundestag!"

Warum? Weil sie reinmüssen. Undenkbar, daß sie nicht reinkommen. Grauenhaftes wäre dann der Fall:

"Wenn die Grünen parlamentarisch chancenlos würden, würde der Druck, innerhalb der Partei miteinander zu diskutieren und Kompromisse zu finden, geringer. Damit droht der Rückfall in sektiererische Politik. Wenn die Grünen aus den Parlamenten herausfliegen, wird das eine ungeheure Resignation zur Folge haben. Sehr viele Menschen würden dann die Kraft für ihr weiteres Engagement verlieren. Viele werden sich das nicht eingestehen. Mitzuerleben wie ein relevantes Potential links von der SPD wieder zerstört wird, das schlägt aufs Gemüt." (Ebermann, Von der Machbarkeit des Unmöglichen, S. 104)

Ohne die Grünen geht's also nicht, weil die ohne Sitz im Parlament Sinn, Kraft, Zusammenhalt samt Hoffnungsträgerschaft verlieren. Schon mal einen Gedanken daran verschwendet, was mit den Grünen alles geht? Wozu sie ihr "relevantes Potential" benutzen? Worauf sie "das Engagement" verpflichten? Offensichtlich schlägt die Überlegung, daß hier allerhand Unzufriedenheit auf "den demokratischen Weg" festgelegt wird, keinem außer "chancenlosen Sektierern" aufs Gemüt.