1. Mai 1980

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
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1. Mai 1980


MAIANDACHT FÜR KRIEG UND FRIEDEN

Es gab viel zu feiern diesen 1. Mai - die Jubeldaten müssen dabei nicht immer rund sein. Seit 60 Jahren schon kann die Demokratie in Gefahr sich auf den selbstlosen gewerkschaftlichen Einsatz gegen ihre Feinde verlassen, weshalb sich die Leser von Gewerkschaftsblättchen nicht erst zum Kapp-Putsch-Jubiläum immer wieder die brennende Frage vorlegen lassen müssen: Wußten Sie schon, daß Ihre Gewerkschaft schon einmal maßgeblich an der Rettung der Demokratie beteiligt war?

Der 1. Mai selbst hat - als Idee zumindest - auch schon ein hohes Alter erreicht: Er wurde 90 - und das, obwohl dieses illegitime Kind 43 Jahre auf seine Anerkennung warten mußte, die es dann vor heute 47 Jahren endlich, aber "ausgerechnet" von den Nazis erhielt, die die "Idee für ihre Zwecke (mißbrauchten)". Eine so bedeutende, weil traditionsreiche Organisation wie der DGB weiß, was sich gehört: er veranstaltet zu Ehren der Jubilare würdige Feiern und mahnt zur Besinnung darauf, daß die gewerkschaftlichen Tugenden der Vergangenheit nie so wertvoll waren wie gerade heute und morgen.

Mut zum Risiko

Die obligate Leistungsshow der Gewerkschaft steht deshalb ganz im Zeichen weitreichender Zusammenhänge und Perspektiven.

- die größte Leistung der Gewerkschaft: sie selbst kann sich sehen lassen:

"Die Verwirklichung der Einheitsgewerkschaft ist eine der großen Leistungen der deutschen Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit."

- Aber in diesem Selbstzweck geht eine so große Errungenschaft natürlich nicht auf, sie war immer schon einem höheren Zweck geweiht:

"Mehr als 30 Jahre lang haben die Gewerkschaften zur sozialen Stabilität und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich beigetragen."

Daß nämlich der risikofreudige Umgang der schönen, BRD mit ihren Proleten weder diese noch jene aus den Fugen gehen ließ, dazu hat zweifellos der DGB seinen Beitrag geliefert, indem er dafür sorgte und sorgt, daß die Proleten das garantiert eintretende Risiko gerecht und demokratiefreundlich unter sich verteilen:

"Die Risiken von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter dürfen nicht dem einzelnen Arbeitnehmer auferlegt werden. Das System der sozialen Sicherheit bleibt lebensnotwendig..."

- Gerade deshalb hängt die Gewerkschaft so an sich selbst, daß sie die Leistung Nr. 1 auch in Zukunft ständig bewahren will:

"Die Wahrung der Einheit ist ständige Aufgabe der Gewerkschaft."

Der Ernst der Stunde

Die Muskelshow des DGB ist jedoch nur Vorprogramm in der eigentlichen Veranstaltung, nur Auftakt zu Kämpfen ganz anderen Kalibers, für die die Gewerkschaft sich im Jahre 1980 gerüstet hat. Denn weder die Stärke der Demokratie noch die der Gewerkschaft ist unangefochten: Wenn sie nicht Rücken an Rücken sich der Feinde erwehren, ist es schnell aus mit dem wahr gewordenen Traum von Gewerkschaftsbossen, die am 1. Mai einen leibhaftigen Kanzler umarmen und freundschaftlich duzen können. Die Lage der Nation war nämlich nie so ernst: Die Einheit von Gewerkschaft und Staat erhielte einen Knacks, wenn im Herbst die Fleisch gewordene Bedrohung - der Demokratie ins Kanzleramt zöge und am Ende Vetter den Bruderkuß verweigern würde! Deshalb würde der DGB sich zwar noch lange nicht aus der Verantwortung stehlen, aber das menschliche Klima wäre ernsthaft gestört, das Mitregieren nur noch halb so schön. Also macht man - zwecks Wahrung der Unabhängigkeit, versteht sich! - aus den Maikundgebungen kurzerhand Wahlkampfveranstaltungen - nicht einmal mehr für eine "traditionsreiche Arbeitnehmerpartei", sondern für Helmut Schmidt, der in Stuttgart leibhaftig agitiert, aber auch andernorts geistig schwer vertreten ist: In Dortmund verkündet Willy Brandt die Gewißheit des Bundeskanzlers,

"daß er die arbeitenden Menschen, die breiten Schichten des Volkes, hinter sich hat."

Drum wird der feindliche Kanzlerkandidat, der außer in Bayem nach Meinung des DGB die breiten Schichten nicht hinter sich hat, gar nirgends erst eingeladen, sondern belehrt:

"Der DGB wird alle Versuche bekämpfen, die Einheitsgewerkschaft für parteipolitische Zwecke zu mißbrauchen."

Am "Kampftag der ArAeiterklasse", der schon lange dazu da ist, das Lob der Arbeit als Dienst an Deutschland zu singen, wird "in dieser ernsten Stunde" die Arbeitnehmerschaft für die anstehenden Belastungsproben der Nation in die Verantwortung genommen. Was das einen Proleten angehen soll, fragen westdeutsche Journalisten den Arbeitsmann im "grauen" Ostberlin vor einem "Wald häßlicher roter Transparente": "Warum gibt es auf Ihren Maifeiern keine Lohnforderungen?", während hierzulande die Gewerkschaftsordner Harmonie und Eintracht durch Hinwegsäuberung einheitsstörender Vereine und Transparente gewährleisten. Da die proletarische Solidarität mit Deutschland also keinem Zweifel unterliegt, ist es auch kein Mißbrauch des Feiertags der Arbeiter, wenn die Staatsmänner ihr Herz ausschütten und ihre Sorgen um die Sicherheit der Nation breittreten. Auch daß dies vor allem SPD-Politiker tun, ist kein Mißbrauch "für parteipolitische Zwecke", da diese ja nicht als Männer der Partei, sondern des Staates auftreten, welcher nach Meinung des DGB in ihrer Verantwortung einzigartig gut aufgehoben ist. In ihrer Sorge um den Weltfrieden lassen die Redner vergessen, daß Willy einst den Titel "Friedenskanzler" gepachtet hatte. In trauter Einigkeit streichen Helmut und Willy, die alten Rivalen, heraus, daß der "Macher" angesichts der weltkritischen Lage der beste Friedenskanzler sei, den man sich denken könne, Klatschend fällt der DGB in die Friedenstiraden ein, läßt rhetorisch sowjetische Panzer und Raketen vor den zwangsbe setzten Tribünen auf dem Roten Platz paradieren, nicht nur um zu demonstrieren, wie frei ein westdeutscher Arbeiter ist, sondern v.a. um die Bedrohung von Freiheit und Frieden durch äußere Feinde plastisch vorzuführen.

Die Reihen festlich geschlossen

Denn wer die Wölfe holt, will auch mit ihnen heulen: Treu beten die Gewerkschaftsbosse die Gedanken der Politiker nach und führen den Weltfriedensfeind Nr. 1 vor:

"Die Ereignisse in Afghanistan zeigen, wie" (und von wem!) "der Frieden gefährdet ist. Der DGB verurteilt diese militärische Intervention. Der unzulässige (!) Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Völker darf aber nicht zur weltweiten Konfrontation führen. Zur Entspannungspolitk, die vom DGB von Anfang an mitgetragen wurde, gibt es keine Alternative."

Deshalb steht die Gewerkschaft in der Stunde der Not Gewehr bei Fuß zur Verteidigung der Rekruten in Bremen -

"Die BRD muß nach innen und außen verteidigt werden" -

wohl wissend, daß die Arbeiter in Uniform Ihren Dienst in alter Treue fortsetzen mit einer Parole aus der Mottenkiste der Arbeiterbewegung, die schon viele Kriege überdauert hat:

"Nie wieder Krieg!"