ÖFFENTLICHE WEHRERTÜCHTIGUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

ÖFFENTLICHE WEHRERTÜCHTIGUNG

Die Stärke der Demokratie liegt immer noch in der - zugegebenermaßen mit einigen Hilfestellungen versehenen - Freiwilligkeit, mit der sich die räsonnierenden Bürger selbst die härtesten Anforderungen ihrer Herrschaft zueigen machen. Mit den Feierlichkeiten, die so aussahen, wie Militäraufzüge nun einmal aussehen, setzte deshalb eine öffentliche Bestandsaufnahme und Diskussion ein, die das faschistische Gebot der geistigen Wehrhaftigkeit auf gut demokratische Weise in Angriff nahm, nämlich als Werk der Öffentlichkeit und des freien Meinens selber.

Frank und frei verhandelten lauter gebildete Leute in Fernsehen, Rundfunk und Presse über Zustand, 'Krisen' und Perspektiven einer bis an die Zähne bewaffneten staatlichen Tötungsmaschinerie für den Frieden und über den eigentlichen Skandal in unserer nunmehr wiedermal sehr wehrhaften Demokratie: die unwürdigen Störungen eines würdigen Staatsschauspiels.

Die Intellektuellen an der Wehr-Macht

in Gestalt des Bundesverteidigungsministers höchstpersönlich zettelten diese Debatte an und zwar mit der Generosität von Leuten, die eigentlich nur zu befehlen brauchen und als Macher schon deswegen das kompetenteste Urteil besitzen, weil über den Einsatz von Soldaten und Bomben nicht mit Argumenten entschieden wird. Mit der Arroganz und dem guten Gewissen anerkannter Machtinhaber stellt Apel den offiziellen Unwillen, Kritik zuzulassen, geschweige denn zur Kenntnis zu nehmen, als Offensivverteidigung einer geplagten Instanz vor, die man schon deshalb über alle Kritik erhaben vorstellen soll, weil sie sich überhaupt den Schein des Argumentierens leistet:

"Die große Debatte werden wir führen. Das wird keine Debatte sein, bei der wir uns in die Defensivposition begeben, aber wir wollen miteinander reden, wie es sich gehört." ('Wir' Nr. 1 und 2 sind plurales majestatis, während der echte Plural des dritten 'wir' jedermann auf die mit 'wir' 1 und 2 angegebenen Maßstäbe des Sich-Gehörens festlegt!)

Das Endergebnis seiner intellektuellen Redlichkeit ist deshalb mit dem Ausgangspuntit identisch: Wer an den Prinzipien des Militärs zu rütteln wagt - und zu diesen Prinzipien zählen jetzt schon die militaristisdien Weisen seines öffentlichen Auftretens -, trägt angeblich in die Bundeswebr den unmilitärischen Geist des freien Meinens und erschüttert die Moral der Truppe, die - Fahne hoch und Reihen fest geschlossen - fraglos der Befehle zu harren und sie zu befolgen hat:

"Die Bundeswehr kann und wird kein Debattierverein werden können, das heißt, hier muß auch von außen stärker deutlich gemacht werden, was Bundeswehr ist und sein muß... Am Ende bleibt das Prinzip von Befehl und Gehorsam unangetastet." (in: FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 3.11.80)

Der Herr über

"vier Millionen Soldaten, die er in zwölf Tagen unter hervorragende - Waffen stellen kann " (Kollege Matthöfer)

beherrscht die militärische Logik: Der öffentliche Debattierverein hat sich gefälligst wie die Bundeswehr zu organisieren. Von Anfang an nach dem Prinzip von geistigem Befehl und Gehorsam!

Der Wille, keine - wie auch immer gelagerten - ernstgemeinten Einwände zu dulden, gibt sich da die Form des bedächtigen und berechtigten Zweifels:

"Ich bin bis heute noch nicht frei von der Befürchtung, daß der Zapfenstreich für viele nur ein Vehikel ist, um ihre Ressentiments gegen die Bundeswehr, gegen die Nato zu artikulieren."

So geht Frieden in "diesen harten Zeiten", wo seine Verteidigung nach innen und außen vorbereitet wird: Das öffentlich inszenierte geschlossene Ja von Staat und Volk zum Friedensauftrag der Bundeswehr schließt den Beweis des Volkes ein, zum inneren Frieden in der Weise fähig zu sein, daß selbst auf den Gebrauch des Demonstrationsrechts (also auf das bloße öffentliche Vorzeigen einer oppositionellen Meinung) verzichtet wird - notfalls mit Gewalt. Demonstrationen wurden verboten, und wer am Ort der Feierlichkeiten unter freiem Himmel nicht die "Macht der Liebe" (eine schöne Umdrehung!) "anbeten", sondern pfeifen wollte, erfüllte den Tatbestand des "Hausfriedensbruchs", derweilen Franz Josef Strauß den Hausfrieden mit einem flammenden Aufruf zur Gewalt wahrte:

"Frieden ohne Freiheit wäre ein menschenunwürdiges Untertanendasein!"

Es ist das alte demokratische Freiheitslied, unmittelbar zur Anschauung gebracht: Diejenigen, deren Freiheit angeblich gerade durch die Existenz der Bundeswehr geschützt wird, haben sie nicht zu gebrauchen; stirbt man aber für sie, dann hat man ein menschenwürdiges Untertanendasein geführt. Gott segne diese Liebe zur Macht, die man sich ohne jegliche Distanz zum Inhalt des eigenen staatsbürgerlichen Fühlens machen soll!

Die Feier des gelobten Opfers wird da noch zum Argument gegen jeden Anflug von Distanz, die nicht gleich die untertänige Hingabe der ganzen eigenen Person an das höhere Ganze akzeptiert und im stellvertretenden Rekrutenschwur auch noch genießt.

Soldatische Tugenden sind also wieder gültiger Maßstab 'öffentlicher Wertschätzung, was mit der ebenfalls altbekannten Logik von Ge- und Mißbrauch guter deutscher Traditionen bewiesen wird, die unter einem verlorenen Krieg also keineswegs gelitten haben:

Strauß: "Die soldatische Opferbereitschaft wurde im 3. Reich mißbraucht... Ihr Soldaten seid Mitglieder einer Gemeinschaft, der Ihr dient und für die Ihr Opfer bringt." (Mehr kann man von einer Gemeinschaft nicht verlangen!)

Apel: "Die Generation der Soldaten, die jetzt die Bundeswehr verläßt und die noch bei Hitler gedient hat, war eine Generation, die nicht nur am eigenen Leibe erfahren mußte, wie sie brutal für verbrecherische Ziele ausgebeutet wurde." (Es erfährt sich natürlich viel angenehmer, für einen gerechten Zweck, am besten den weltweiten Sieg des Westens Leib und Leben zu opfern!)

Man braucht sich nur mit Hitler zu vergleichen, schon lohnt sich "soldatische Opferbereitschaft"! Zugleich erhält die staatliche Offensive für ein öffentlich geschätztes Militär und seinen Gebrauch den verständnisheischenden Schein, als ob das Militär es so schwer habe, seine echten Traditionen zu finden und zu pflegen - ausgerechnet jetzt, wo mit dem Einsatz aller guten militärischen Traditionen demonstriert wird, daß die Feier und das Selbstbewußtsein der Armee alles andere als Traditionsfrage sind. Militarismus? Keine Spur. Generalmajor Kessler wies vor 2000 Rekruten auf einen weiteren entscheidenden Unterschied hin:

"Wir veranstalten keine Machtdemonstration mit Panzern, weil wir eine Verteidigungsarmee sind."

Verteidigung des Friedens ist ein so unangreifbarer Zweck, daß schon das Fehlen des schweren Kriegsgeräts bei den Feierstunden für ihn spricht.

Die Verantwortlichen denken also nicht nur den ganzen Tag darüber nach, wo im Lande die "nachgerüsteten" Atomsprengköpfe der NATO zu plazieren sind, sie hecken nicht nur Schlachtpläne für alle möglichen Sorten von Krieg aus und scheuchen das Menschenmaterial durch deutsche Stoppelfelder und manchmal in den Indischen Ozean, damit es im Frieden nicht rostet. Sie verschaffen sich auch selber die Gelegenheit für eine Offensive an der Heimatfront, um deren geistigen Verlauf um einiges näher in Richtung Schützengraben vorzuschieben. Da warnt der alte Haudegen Steinhoff vor der Verwechselung von Post und Militär - als ob der Unterschied nicht bekannt wäre - und fordert mit dem Hinweis auf die Brutalitäten des Soldatenlebens auch in friedlichen Kasernenzeiten, gebührenden Respekt vor dieser höchsten aller Bürgerpflichten. Da verlangt der CDU-Verteidigungsexperte Wörner die Gefühlsbeteiligung der Zivilisten beim militärischen Gepränge, und ein innerer Führungsmensch wirft dem Heer vor, die Jugend nicht genügend zur inneren Selbstführung und zur Begeisterung für den Bund gewonnen zu haben. So geht verantwortliche Kritik an unserer und für unsere Bundeswehr und ihren Auftrag heutzutage!

Die intellektuellen Werber für die Wehmmacht

stimmen öffentlich-rechtlich oder privat, in jedem Falle völlig frei und umsonst ein. Sie besorgen den deutschen Bürgern zum Jubeltag der Wiederbewaffung eine Woche totale Kriegspropaganda in Bild, Ton und Schrift, ohne ihnen die plumpe Frage nach dem totalen Krieg vorzulegen. Das Fernsehen zeichnete die Feiern mit einer staatstragenden Unterwürfigkeit, die nur die freie, demokratische Öffentlichkeit so überzeugend zustandebringt, eifrig nach und machte daraus ein Filmkunstwerk bildgewordener Ehrfurcht, Feierlichkeit und Berechnung: Fesche Soldaten symmetriseh stillgestanden, aus der Totale über ein berauschendes Farbenspiel und verschwimmenden Fackelschein mitten hinein in bewegte Milchgesichter, "Tapferkeit und Treue" gelobend fürs Vaterland in Großaufnahme, dazu ein Kommentar mit gedämpfter Stimme, der das "Gelobt sei, was hart macht" für unsere Zeit formulierte:

"Die Bundeswehr ist so kommod und so zivil, daß sie den Rekruten heute erlaubt hat, die warmen Feldanzüge anzuziehen." (G. v. Lojewsky)

Dieselben Journalisten, die jedes Jahr an läßlich der Militärparaden im Osten über das unfreie 'Militärspektakel' die Nase rümpfen und andererseits bemäkeln, daß die Kremlzaren nicht einmal die neuesten Waffen besichtigen lassen, würdigen die hiesigen Aufmärsche mit der selbstverständlichsten Einfühlung in die ästhetischen und politischen Qualitäten demokratischer Soldatenschau. Damit jedoch nicht genug: Demokratische Militärpropagandisten sind ja nicht einfach Jubel-von-Schnitzlers oder Kriegshetzer a la Goebbels. Sie beleuchten die Bundeswehr kritisch - und fragen ausgerechnet beim Militär, das der Staat bekanntlich am allerwenigsten vernachlässigt, ob es auch funktioniert und ob es seinem Bild als Friedenswahrer entspricht. Die intellektuellen Schuhwichser des Kriegsministeriums beklagen sich allen Ernstes über zu wenig Durchschlagsvermögen und sehen das geliebte deutsche Bollwerk 1980 "in seiner schlimmsten Krise" (SPIEGEL). Dementsprechend sehen die kritisch gewälzten Probleme aus.

Problem Nr. 1: Ver(t)eidigungsfeinde trüben das frohe Bild

"Sie plappern das 'lieber rot als tot' nach. Sie hinken hinter der Zeit her. Vielleicht nur deshalb, weil ihnen niemand beipebracht hat, das Wort 'Freiheit' zu buchstabieren. Denn dafür stehen die jungen Männer, die gelobt haben." (DER ABEND, 14.11.80)

Wie buchstabiert man Freiheit? Indem man sich auf seine vier Buchstaben hockt, 'Rotarsch' beim Bund wird und sich ganz zeitgemäß für die bundesrepublikanische Armee zu opfern gelobt.

Problem Nr. 2: "Ritual der Vergangenheit"

"Gerade wer Tradition nicht als billige Rührungsschau mißversteht, sondern sie ernst nimmt, gerade für den sind Verständnis und Form, mit denen Rekruten ihren Dienst beginnen, von großer Bedeutung." (Abendzeitung, 14.11.80)

"Der Showcharakter des Gelöbnisses entspricht nicht dem Ernst der Sache." (Wolf Graf von Baudissin)

Für glaubwürdige Gelöbnisse! Die öffentliche Vereidigung darauf, "das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen" - eine Stilfrage, das ist verantwortungsvolle Kritik! Ihr spinnt ja wohl!

Problem Nr. 3: "Deutschlands müde Krieger" (Stern)

Für eine Bundeswehr, in der nicht "der Frust regiert" (ebd.), sondern die Lust (worauf wohl?)! So eröffnet sich das unerschöpfliche Thema der "kaum motivierten Soldaten" (Spiegel). Schon die Unlust des Alltagsverstandes, sich fürs Militär mehr als nötig zu engagieren - und das ist schließlich militärisch geregelt -, gilt unter aufgeklärten Begutachtern als mangelnde Zustimmung und zweifelhafte Schlagkraft. Diese Propagandisten eines selbstverantwortlichen Soldatentums besprechen zwar kein existentes Problem; denn solange Rekruten "am Wochenende unter der Bahnhofskuppel" nach der Woche Befehl und Gehorsam ihren liebsten Song singen:

"Was machen wir, was machen wir mit der Bundeswehr? - Wir scheißen, wir scheißen auf die Bundeswehr.",

"machen" sie "mit" der Bundeswehr überhaupt nichts, außer willig mitzumachen. Aber daß solche Soldaten auch tapfer und mutig ihren ganzen Mann stehen und fallen, wenn es drauf ankommt, wissen die öffentlichen Kokettierer in Sachen Kampfkraft natürlich auch schon in Friedenszeiten:

"Im Manöver wird der Soldat gefordert, da gibt es keinen Frust!" (ARD)

Problem Nr. 4: "Der Friede wird immer teurer und komplizierter"

Wie Miniaturausgaben von Friedensministern, Reißbrettstrategen und Waffenexperten führen sich die Journalisten auf: Unser Leo II "mit seiner komplizierten Elektronik ist für den normalen Wehrpflichtigen viel zu schwierig" (für den Waffenexport aber super). Eine entsetzliche Vorstellung! Aber keine Bange, Heimat: Das schaffen die schon - todsicher. Außerdem gibt es da noch die vorzeigbaren Phantompiloten, die "begriffen" haben, daß Abschreckung auch die Bereitschaft bedeutet, das Kriegsgerät vor dem Feind anzuwenden, und die pausenlosen Kampfeswillen vorleben:

"Abschreckung ist kein Geschäft von 8-17 Uhr. Wir müssen immer einsatzbereit sein!"

Sprach's und flog eine Übungsrunde. Mehr kann auch ein Pressemensch nicht verlangen, der so tut, als würden

"sich Wehrpflichtige mehr und mehr ein eigenes Feindbild (schaffen), nämlich das eigene Militärsystem und seine Symbole." (Spiegel)

Solche bedingungslose öffentliche Staatsdienerschaft beweist, wie schief die diversen Friedensmarschierer liegen, wenn sie in den Auftritten anderer dienender Söhne des Vaterlandes und ihrer Dienstherren falsche, verantwortungslose und von reaktionären Sehnsüchten getriebene Kräfte am Werk sehen. Das allgemeine Einverständnis mit einem Land, das inzwischen überall und gegen Osten lebenswichtige Interessen des Westens zu verteidigen hat, ist so schrankenlos und gibt sich zugleich so aufgeklärt kritisch, daß sich zum besserwisserisch ausgesprochenen Vertrauen in die guten Absichten der Politiker auch noch ganz frei und zwanglos die vaterländische Bewunderung oder teilnahmsvolle Besorgnis gegenüber dem Militär gesellt, das die guten Absichten der Politiker gewalttätig zu exekutieren hat und damit wirbt.