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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1984 erschienen.

Systematik


UMWELTSKANDAL -DAS BEISPIEL DIOXIN

Umweltskandale sind eine noch nicht sehr alte Form des Skandals, also des öffentlich breitgetretencn Vorwurfs, der Staat bzw. gewisse seiner Agenten hätten Aufgaben schändlich vernachlässigt. Aber sie haben ihren Höhepunkt schon hinter sich. Atomkraftwerke sind längst kein Problem mehr, Östrogen gegessen... Skandale leben schließlich von der Außer-Ordentlichkeit. Die Umweltskandale haben ihre Funktion gehabt. Sie haben ein Umweltbewußtsein geschaffen, das sich täglich darüber informieren läßt, was heute alles normal ist: Siehe Dioxin!

Die - inzwischen, dank ihrer Erwähnung in jedem zweiten der wöchentlichen Dioxin-Bulletins, berühmt gewordene - Freisetzung von Dioxin im BASF-Werk Ludwigshafen anno 1953, bei der 55 Arbeiter zum größten Teil bleibende schwerste Gesundheitsschädigungen erlitten, war damals kein Umweltskandal, sondern ein tragischer Betriebsunfall, wie er "leider" in der chemischen Industrie nie ganz zu vermeiden sei.

Weder ein Umwelt- noch sonst ein Skandal war der tonnenweise Einsatz von dioxinhaltigen Entlaubungsmitteln im Vietnamkrieg.

Mit Seveso hingegen wurde Dioxin zum Skandal-Thema: nämlich als exemplarische Entdeckung dessen, was die Industrie so alles an Giften unter die Leute bringt, wenn der Staat sie läßt. Entsprechend war Seveso freilich ein typisch italienischer Skandal, den sich der dortige Staat durch seinen schlampigen Umgamg mit bestehenden und durch das Fehlen schärferer Sicherheitsbestimmungen für die Industrie selbst eingebrockt hatte.

Anläßlich der gesamteuropäischen Suche nach den 41 Seveso-Fässern im letzten Jahr wurde das Dioxin schließlich zu einer Affäre, an der der eigene bundesdeutsche Staat gefälligst beweisen sollte, wie verantwortungsvoll er mit dem gefährlichen Zeug umgeht. Ein Beweis, der dem Staat gegenüber seiner bereitwilligen Öffentlichkeit nicht schwer fiel: ein bißchen lärmende außenpolitische Betriebsamkeit, und es stand fest: Der Staat hat die Fässer in Griff.

Inzwischen ist die vom "Spiegel" bei der fröhlichen Fässersuche zu Pfingsten 1983 ausgegebene Skandal-Losung "Überall ist Seveso" dank "umfassender staatlicher Ermittlungen und genauerer Meßverfahren" belegt worden. Dioxin ist in der Hamburger Müllhalde Georgswerder und einigen anderen Deponien entdeckt worden. Ein rechter Skandal will eben deswegen nicht draus werden. Mit der universellen Präsenz des "Supergifts" auf vermutlich dem größten Teil der Müllkippen in diesem unseren Lande fiel das wichtigste Element eines anständigen Skamdals weg: ein Versäumnis, mit dem ein amsonsten funktionierender Staat öffentlich konfrontiert und an seinem eigenen Maß gemessen werden könnte.

Dafür gibt es seitdem in jedem Magazin, das was auf seine öffentliche Veramtwortlichkeit hält, den nahezu wöchentlichen Bericht von der Dioxin-Front, aus dem der geneigte Leser vor allem eines herauslesen darf: Das Dioxin (nebst den übrigen hochgiftigen Chemieabfällen) ist unser Schicksal, der Preis, den "wir" für das "sorglose Wachstum der letzten Jahrzehnte" zu zahlen haben. Also erfährt man der Vollständigkeit halber, daß man sich bis vor wenigen Jahren u.a. mit den gebräuchlichsten Holzschutzmitteln Dioxin reingezogen hat, wobei es einige Mitbürger besonders übel erwischte. Die Arbeiter, die berufsmäßig jahrelang das Zeug verarbeitet haben, kommen in solchen Berichten allerding nicht vor, nur die unschuldigen Bewohner der dioxinimprägnierten Holzhäuser und -zimmer. Oder doch, indirekt kommen sie dann doch vor: Aus den "für die Hobbymärkte bestimmten" Lieferungen ist der dioxinhaltige Wirkstoff von den Herstellern herausgenommen worden - in der gewerblich verwendeten Produktion also noch drin.

Man erfährt, daß polychlorierte Biphenyle (die hätten es sich auch nicht träumen lassen, daß sie nochmal in aller Munde sind, mit dem Namen!), aus denen im Brandfall Dioxine entstehen, ein verbreitetes synthetisches Schmier-, Kühl- und Isoliermittel sind - kurz: Der vollständige Beleg des Menetekels "Dioxin ist überall" macht dieses zur sachlichen Feststellung. Und das ist die passende Grundlage dafür, sich gefaßt die Gedanken des Staates zu machen: "Müssen wir" damit leben, oder können "wir uns" die Beseitigung des vorhandenen Dioxins und das Verbot seiner Ausgangsstoffe leisten?

Einen Skandal hätte es über dem Dioxin aber beinahe noch gegeben. Haben doch die berüchtigten Skandalfernsehmagazine und eine Hamburger Skandalillustrierte als vorläufige Krönung ihrer Dioxin-Berichterstattung die Behauptung in die Welt gesetzt, sogar das heiligste Nahrungsmittel der Nation, das Unterpfand unserer Zukunft, die Muttermilch sei dioxinverseucht. Diese Schreckensmeldung konnte gottlob dementiert werden. Erstens ist alles andere noch ungesunder für die Babys, und zweitens wird Gift in der Muttermilch durch den Gehalt an seelischer Bindung in derselben lässig kompensiert.